Als „Das Venedig Hollands“ kündigt der kleine Flyer den niederländischen Ort Giethoorn in fetten Lettern an. Auch die Rückseite geizt nicht mit Lobeshymnen und Superlativen. Passend dazu: das Bild mit glücklichen Leuten in kleinen Booten, die durch eine wirklich postkartentaugliche Grachtenlandschaft gondeln.
Der Flyer hatte seine Wirkung auf mich nicht verfehlt. Ich stehe auf einem der sechs großen Besucherparkplätze von Giethoorn. Es ist 10 Uhr morgens an einem Samstag im Juni. Die Sonne scheint, weiße Wattewölkchen schweben am babyblauen Himmel und prompt biegt der erste Reisebus auf den Parkplatz ein. Genug getrödelt. Jetzt heißt es schnell sein, bevor man den Parkplatz vor lauter Bussen nicht mehr sieht und jedes Boot vermietet ist.
Denn ich möchte Giethoorn vom Wasser aus erkunden. Welche Route ich mit dem Boot genommen habe, was mich unterwegs erwartet hat und worauf ihr bei eurer eigenen Bootstour achten solltet, erfahrt ihr in diesem Reisebericht.
Bootstypen und Preise
Mein erster Anlaufpunkt ist der Hylkemaweg. Er ist Giethoorns Flaniermeile, die an der Cornelisgracht entlangführt. Auf der Landseite geben sich Restaurants, Bars und Souvenirshops die Klinke in die Hand, auf der Grachtseite preisen die ersten Bootsverleiher ihre motorisierten Wasserfahrzeuge an.

Wie sollte es auch anders sein: Boot ist nicht gleich Boot und die Auswahl ist groß.
Diese Bootstypen stehen in Giethoorn zum Verleih bereit:
- Der Klassiker ist das Flüsterboot (Fluisterboot), das seinen Namen dem kleinen Elektromotor verdankt, der das Boot fast lautlos durch die Grachten bewegt. Sechs Personen haben hier Platz.
Mein Tipp: Macht es nicht wie ich und geht davon aus, dass die optisch älteren Flüsterboote auch die günstigeren sind. - Typisch niederländisch ist der Sloep. Die geräumigen Tuckerboote sind für Gruppenausflüge gedacht und komfortabler ausgestattet. Allein die Steuerung mit einem Lenkrad macht sich bei längeren Fahrten bezahlt. Einige Vermieter haben auch rollstuhlgerechte Sloeps im Angebot.
- Wenn ihr mit Baby und Hund anreist, euch die Selbstfahrboote nicht geheuer sind oder einfach das Wetter nicht mitspielt, gibt es auch die Möglichkeit, Giethoorn im überdachten und je nach Boot beheizten oder klimatisierten Rundfahrtboot zu erkunden. Der Kapitän versorgt euch unterwegs mit Informationen über den Ort und seine Geschichte.
- Wer lieber selbst paddelt, statt sich chauffieren zu lassen, wird vielleicht mit einem Kanu glücklich.

Die Kosten hängen vom Bootstyp, der Mietdauer und dem jeweiligen Anbieter ab. Manche Boote könnt ihr stundenweise mieten, andere auch für einen ganzen Tag. Bei geführten Rundfahrten zahlt ihr dagegen in der Regel pro Person. Vergleicht vorab die Angebote und Konditionen, denn auch Saison, Wochentag und Uhrzeit können eine Rolle spielen.
Ihr müsst euer Boot nicht unbedingt an der Cornelisgracht mieten. In ganz Giethoorn findet ihr Bootsverleiher.
Praktische Tipps für eure Bootstour
Bevor ihr in See (oder in die Grachten) stecht, gibt es noch ein paar Dinge zu beachten. Damit eure Bootstour in Giethoorn entspannt startet, habe ich hier die wichtigsten Tipps für euch zusammengestellt.
Bootsführerschein und Einweisung
Einen Bootsführerschein braucht ihr für die üblichen kleinen Mietboote in Giethoorn nicht. Vor der Abfahrt bekommt ihr eine Einweisung in die Steuerung und eine Karte mit den möglichen Routen. Auch ohne Erfahrung könnt ihr euch also ins Abenteuer stürzen. Nach ein bisschen Übung mit dem Elektromotor habt ihr die Steuerung schnell raus.
Boot reservieren oder spontan mieten?
Gerade an sonnigen Wochenenden und in der Hauptsaison lohnt es sich, das Boot vorab zu reservieren. Dann müsst ihr vor Ort nicht erst auf ein freies Boot hoffen. Wenn ihr ohne Reservierung kommt, seid ihr mit einer frühen Ankunft besser beraten: An besonders gut besuchten Tagen können sich die Parkplätze und Bootsverleihe schnell füllen.
Parken und Ankunft
Giethoorn hat mehrere Parkplätze, sodass ihr nicht unbedingt auf einem der großen Parkplätze im Zentrum parken müsst. Dort seid ihr zwar schnell bei den Grachten, aber gerade an sonnigen Wochenenden und in der Hauptsaison sind die zentralen Parkplätze besonders gefragt. Weitere Parkmöglichkeiten findet ihr im südlichen und nördlichen Ortsteil. Einige Parkplätze sind kostenlos. Eine Übersicht mit den Standorten und weiteren Informationen findet ihr bei Giethoorn Village.
Mein Tipp: Schaut vor der Anreise, wo sich euer Bootsverleih befindet, und orientiert euch bei der Parkplatzsuche daran. So spart ihr euch unnötige Wege. Kommt ihr an einem gut besuchten Tag, lohnt es sich, früh da zu sein.
Was sollte man mitnehmen?
Nehmt euch Wasser und eine Kleinigkeit zu essen mit. Auf dem Bovenwijde gab es bei meinem Besuch allerdings noch eine besondere Verpflegungsmöglichkeit: ein Eisboot, das über den See tuckerte. Das hatte fast etwas von einem Floating Market in Asien, nur mit europäischer Eiscreme statt exotischen Früchten. Ob das Boot auch außerhalb der Hauptsaison unterwegs ist, weiß ich nicht. Verlassen würde ich mich darauf also nicht.

Denkt außerdem an Sonnenschutz. Auf dem Bovenwijde und im Naturschutzgebiet gibt es kaum Schatten. Bei wechselhaftem Wetter ist eine leichte Regenjacke ebenfalls sinnvoll.
Die Fahrtrouten in Giethoorn
Wenn ihr euren Traumbootsverleih gefunden habt, geht’s an die nächste Entscheidung: Welche Route wollt ihr fahren?
Tatsächlich gibt es nicht nur DIE eine Route durch Giethoorn. Auf der Routenkarte sind drei Farben eingezeichnet: Gelb, Rot und Grün. Die gelbe Route gibt es sogar in zwei Varianten. Eine im Süden und eine im Norden.

1. Die gelbe Route
Die Routen unterscheiden sich in ihrer Länge. Wen wundert es also, dass die 7 Kilometer lange gelbe Route Süd bei Touristen besonders beliebt ist? Mit einem selbst gesteuerten Boot seid ihr hier etwa zwei Stunden unterwegs. Ihr startet in Giethoorn Süd Richtung Norden, fahrt anschließend über den See Bovenwijde ins Naturschutzgebiet und von dort aus zurück nach Giethoorn.
In Giethoorn Nord gibt es ebenfalls eine gelbe Route. Mit 4 Kilometern ist sie eine gute Option, wenn ihr nur einen kurzen Zwischenstopp einlegt und trotzdem aufs Bootfahren nicht verzichten wollt.
2. Die rote Route
Tour 2, die rote Route, ist mit 14 Kilometern die längste Strecke. Hier schippert ihr von Giethoorn Süd durch die bewohnten Grachten nach Giethoorn Nord und anschließend durch das nördliche Naturschutzgebiet hinunter zum See Bovenwijde, wo ihr auf die gelbe Route trefft.
3. Die grüne Route
Route 3, die grüne Route, führt euch zunächst, wie die rote und die gelbe Route, durch das malerische Giethoorn. In Giethoorn Nord trennen sich die Wege. Ihr biegt links in die Thijssengracht ab und schippert anschließend entspannt zwischen Naturschutzgebiet und Giethoornse Meer durch die Dwarsgracht, bis ihr wieder in die Cornelisgracht einbiegt.
Meine Tour durch Giethoorn
Genug der trockenen Fakten. Jetzt geht’s aufs Boot und zu meinen eigenen Erfahrungen.
Ich habe mein Boot an der Cornelisgracht gemietet. Für den ersten Besuch fand ich zwei Stunden ausreichend (man kann ja nie wissen, ob der Flyer das hält, was er verspricht). Damals habe ich 25 Euro für ein Flüsterboot gezahlt. Wasser und Knabberzeug, ein Brötchen und einen Apfel, habe ich vor der Abfahrt noch im Supermarkt besorgt. Der liegt praktischerweise direkt am Parkplatz, auf dem mein Auto stand.

Für das Boot musste ich eine Kaution hinterlegen und bekam eine Karte sowie eine Einweisung. Mein Flüsterboot hatte einen Elektromotor mit Griff. Ihr schaut nach vorn, während ihr mit der Hand hinter dem Rücken lenkt und das Tempo bestimmt.
Ein Vorteil der Cornelisgracht: Sie ist recht breit und daher super geeignet, um sich mit der Steuerung vertraut zu machen, bevor ihr in die schmalere Dorpsgracht einbiegt.
Die Grachten sind Einbahnwasserstraßen, aber teilweise breit genug, um ein anderes Boot zu überholen. Jedenfalls, wenn ihr den kleinen Elektromotor voll aufdreht. Sich stromlinienförmig nach vorn zu lehnen, bringt dagegen wenig. Die Boote scheinen alle gleich getaktet zu sein. Da hilft nur, schlau zu manövrieren und wie ein Profi straight geradeaus zu tuckern.

Durch die Grachten und über den Bovenwijde
Die Dorpsgracht ist richtig niedlich. Ihr fahrt an schmucken Häusern vorbei, die mit ihren abgeteilten Grundstücken wie kleine Inseln wirken und unter Holzbrücken hindurch, die die einzelnen Grundstücke miteinander verbinden.
Es ist erstaunlich und leicht surreal, mit welcher abgestumpften Gelassenheit die Bewohner beispielsweise den Rasen mähen, während ein Boot mit staunenden Touristen nach dem nächsten an der Szenerie vorbeigleitet.
An der Molsvaart geht meine Fahrt hinaus auf den Bovenwijde. Auf der Karte sieht der See gar nicht so groß aus. Vom Boot aus wirkt er dann doch deutlich beeindruckender, wenn ihr in eurer kleinen Nussschale gemächlich einmal quer hinüber zum Naturschutzgebiet tuckert.

Im Naturschutzgebiet gleitet ihr entspannt an Schilfwiesen vorbei. Wenn sich der Wasserweg gabelt, steht dort ein Wegweiser, der euch in die richtige Richtung lotst. Genießt die Ruhe, denn irgendwann landet ihr wieder auf dem Bovenwijde. Und dann wird’s kurz vor Schluss hakelig.

Die Rückfahrt durch den Bootsverkehr
In Giethoorn hat der Verkehr auf der Dorpsgracht Vorrang. Ihr kommt wie ich und all die anderen Touriboote von der Volkensvaart, müsst warten und im richtigen Moment eine elegante Kurve meistern.

Das klingt theoretisch nicht schwer, gestaltet sich in einem Knäuel aus Touribooten aber nicht ganz so easy.
Die restlichen Meter führen euch wieder entlang der Häuser. Hier ist Geduld gefragt. Da ihr nicht allein unterwegs seid, könnt ihr nicht überholen und schleicht höchstwahrscheinlich vor euch hin, bis ihr die Abzweigung zur Cornelisgracht erreicht.
Aber das ist nicht weiter wild und tut dem ganzen Ausflug keinen Abbruch.

Wenn ihr euer Boot abgegeben habt, nehmt euch noch Zeit und besucht Giethoorn zu Fuß. Von den Holzbrücken aus habt ihr einen schönen Blick auf die Häuser und die Touriboote. Das gehört einfach dazu.

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Wart ihr schon mit dem Boot in Giethoorn oder steht der Ausflug noch auf eurer Wunschliste? Welche Route würdet ihr wählen und habt ihr vielleicht noch einen Tipp für andere Giethoorn-Besucher? Ich freue mich auf eure Kommentare!

