Wenn ich an den Lake Rotoiti zurückdenke, denke ich nicht nur an die schöne, aber zugegeben teils anstrengende Wanderung auf den Mount Robert und die wundervolle Aussicht auf die Berge. Ich denke vor allem an Aale. Und zwar an riesige, dunkle Longfin Eels, die sich unter dem Steg im Wasser sammeln und deren Körper sich wie ein Haufen Schlangen winden. Und an Sandflies, deren garstige Bisse den Abend schneller enden lassen wollten, als mir lieb war.
Ob sich der Ausflug an den Lake Rotoiti trotzdem gelohnt hat? Ja. Sehr sogar. Und auch die Wanderung möchte ich bei der Neuseelandreise nicht missen.
Ich erzähle euch jetzt, was ich dort alles erlebt habe, wie die Wanderung war und was genau es mit den Aalen auf sich hat. Dann könnt ihr am besten entscheiden, ob der Lake Rotoiti einen Stopp auf eurer Neuseelandreise wert ist oder ob ihr lieber woanders eure Zeit verbringen wollt.
St. Arnaud ist das Tor zum Nelson Lakes National Park auf der Südinsel Neuseelands. Der kleine Ort liegt direkt am Lake Rotoiti und ist Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen in der Umgebung.
Meine Wanderung auf den Mount Robert
Gut 3,3 Kilometer liegen vor uns, von denen man eine klasse Aussicht auf den Lake Rotoiti haben soll. Klingt eigentlich nicht besonders dramatisch. Allerdings geht es dabei ordentlich bergauf. Für mich und meine Reisebegleitung ist das schon eine Hausnummer. Wir sind beide Flachlandtiroler und demnach Bergwanderungen nicht gewohnt. Was soll’s.
Frohen Mutes stapfen wir vom Mt Robert Car Park los. Der liegt bereits einige Meter höher als unser Ausgangspunkt, der schnuckelige Ort Saint Arnaud. Mit dabei: Wasser, Weintrauben, Äpfel, Würstchen und Sandwiches für ein Picknick auf dem Berg.

Das Wetter ist bestens. Die Sonne scheint, die Sicht ist klar und der Weg größtenteils schön schattig durch die vielen Bäume, unter denen wir den steinigen Weg Meter um Meter entlangwandern.
Was in relativ zügigem Tempo beginnt, wird mit jeder Biegung, die der Weg nimmt, und jedem Höhenmeter etwas langsamer. Wo wir vor ein paar Minuten noch locker geplaudert haben, häufen sich die Verschnaufspausen. Dazu wechselt der Rucksack immer öfter den Träger.
Je weiter wir gehen, desto mehr hinterfragen wir unsere Entscheidung. Der Weg wird immer steiniger und eine Biegung jagt die nächste. Gefühlt kommen wir kaum einen Meter voran und viel zu sehen gibt es bis dahin auch nicht.
Fröhliches Jauchzen und Gegacker ertönt ein paar Biegungen später. Die launige Geräuschkulisse kommt von einer Gruppe Damen, die an einer Biegung eine Pause einlegt und sich die kleine Auszeit mit je einer Miniflasche Sekt versüßt. Die Girls haben auf jeden Fall gute Laune und wir kommen kurz ins Gespräch. Sie sind aus den Niederlanden, wir aus Deutschland. So klein ist die Welt.
Auch wenn sie hinter uns zurückbleiben, begleitet uns die Girlscrew trotzdem auf ihre Weise den Weg hinauf. „Ist es noch weit?“, „Seid ihr schon oben?“, „Könnt ihr den Gipfel sehen?“ fragen sie nach jeder Biegung, die sie einschlagen. Unsere Antwort: „Nein, noch nicht“, „Immer noch nicht“ oder „Nichts, außer Bäume und Steine“ wird jedes Mal mit fröhlichem Lachen und einem „Sagt ihr Bescheid, wenn ihr da seid, ja?“ beantwortet.

Während wir uns weiter, Meter um Meter, vorankämpfen und die Mitnahme von zwei Wasserflaschen und so viel Essen hinterfragen, kommt uns ein gut gelaunter Neuseeländer beschwingten Schrittes vom Berg entgegen. Ich glaube meinen Augen nicht und auch meine Reisebegleitung schaut zweimal hin.
Er läuft barfuß.
Auf diesem steinigen Weg.
Barfuß!
Ich komme noch nicht mal an einem Kieselstrand an der Küste von Kroatien einen Meter weit, ohne zu jammern. Respekt. Bisher haben wir schon einige Leute gesehen, die barfuß laufen, aber das Terrain hätte ich jetzt nicht als Barfußpfad gewählt.
Einige Biegungen weiter öffnet sich langsam die Sicht und wir können endlich auf das nächste „Seid ihr oben?“ ein „Ja, fast. Ihr habt es gleich geschafft!“ an die niederländische Wandertruppe verkünden.

Endlich oben. Auf dem Mount Robert. Ich bin echt etwas durchgeschwitzt. Der Wind weht lauwarm-kühl, die Sonne scheint und die Aussicht ist wundervoll. Hier oben steht sogar eine Bank. Mega.
Wir setzen uns, machen das erste Erinnerungsbild und kramen gerade unseren Proviant hervor, als auch die Niederländerinnen den Gipfel erreichen. Die freuen sich ebenso wie wir, dass der Aufstieg vorbei ist und die Aussicht die Strapazen gelohnt haben. Wir machen Fotos von ihnen, sie von uns und dann trennen sich unsere Wege.
Die Mädels ziehen weiter. Der Pinchgut Track ist nämlich nicht am Aussichtspunkt zu Ende, sondern Teil des Mount-Robert-Circuits und führt weiter Richtung Bushline Hut und über die Robert Ridge Route. Für uns ist an diesem Tag allerdings Schluss. Wir haben genug Höhenmeter gesammelt und sind mit unserer Aussicht mehr als zufrieden.

Wir entspannen mit bester Aussicht auf den Lake Rotoiti auf der Bank und knabbern unser Proviant. Sandwiches, Apfel und Weintrauben sind ratzfatz weg – nur die Würstchen mag keiner von uns. Die packen wir wieder ein und machen uns dann langsam auf den Rückweg zum Auto.
Anstrengend war es. Aber es hat sich gelohnt.
Der Mount Robert Circuit
Der Teil des Pinchgut Track, den wir gelaufen sind, startet am Mt. Robert Car Park. Nach 3,3 Kilometern erreicht man den offenen Bergrücken. Der Pinchgut Track ist ein Teil des Mount Robert Circuit. Die Rundwanderung führt einmal um die Nordseite des Mount Robert und kombiniert den Pinchgut Track mit Paddy’s Track. Der Rundweg ist ca. 9 Kilometer lang und endet wieder am Mt. Robert Car Park. Die letzten 500 Meter geht es an der Straße entlang zurück zum Parkplatz.
Ein weiterer Wanderweg führt über den Bergrücken auf der Robert Ridge Route weiter bis zum Angelus Hut und dem Campingplatz am Lake Angelus. Die gesamte Route vom Mt. Robert Car Park bis zum Angelus Hut ist rund 12 Kilometer lang.
Eins noch: Bitte beachtet immer das Wetter, wenn ihr zum Wandern in den Bergen unterwegs seid. Gerade auf den Höhen kann sich das Wetter schnell ändern.
Ein Abend mit Aalen und Sandflies am Lake Rotoiti
Zurück im Ort legen wir in unserer Unterkunft erstmal die Beine hoch und lassen den Wandertag Revue passieren. Wir lachen über den anstrengenden Aufstieg, erinnern uns an die süße Mädelsgang und natürlich auch an den Barfußläufer. Danach planen wir den nächsten Tag, schauen uns den Ort an und machen es uns zum Abend auf dem Lake Rotoiti Jetty gemütlich.
Der Lake Rotoiti liegt direkt bei St. Arnaud und ist Teil des Nelson Lakes National Park.
Die neuseeländischen Langflossenaale
Ganz grundlos sind wir nicht im zugegeben eher verschlafenen Ort St. Arnaud gelandet. Meine Reisebegleitung ist begeisterter Angler und wir haben den Tipp bekommen, dass man hier die dunklen Longfin Eels sehen kann.
Die neuseeländischen Langflossenaale kommen in weiten Teilen Neuseelands vor, aber der Spot lag auf unserem Weg. Sie leben im Süßwasser und können beeindruckende Größen erreichen und sehr alt werden.

Ich habe mit Angeln so viel am Hut wie ein Pinguin mit Karibikinseln. Wenn Jeremy Wade auf der Suche nach Flussmonstern ist, schaue ich allerdings auch gerne rein. Außerdem trennt mich der Steg ein paar Meter von den Aalen. So viel kann also nicht passieren.
Wir suchen uns einen Platz. Trotz Abendstimmung ist es noch sonnig und warm. Unter dem Steg winden sich die glitschigen Aalkörper wie ein Knäuel Schlangen im Wasser. Hier gehe ich definitiv nicht ins Wasser.

Am Rand des Seeufers stehen einige Teenies bis zu den Knöcheln im Wasser, betrachten fasziniert die Aale und halten Fleischstückchen, die an Stöcke gespießt sind, ins Wasser. Uns fällt das verschmähte Würstchen vom Vormittag wieder ein. Meine Reisebegleitung lehnt sich etwas über den Steg und wedelt mit dem angeknabberten Würstchenrest vor den gierigen Schlünden der Aale. Die sind auf Zack, bäumen sich aus dem Wasser und beißen zu. Wow, die haben Kraft!
Ansonsten reicht es uns, dem Schauspiel zuzusehen. Die Aale sind ziemlich rabiat, aber die Mädchen haben ihren Spaß.
Als wir 2017 am Lake Rotoiti waren, wurden die Aale dort noch von Besuchern gefüttert. Heute bittet DOC ausdrücklich darum, die Tiere nicht mehr zu füttern.
Sandflies
Irgendwas zwickt mich am Knöchel. Wie automatisch wandert mein Blick zur betreffenden Stelle. Ich denke an Mücken, aber weit gefehlt. Es sind Sandflies.
Die bis zu 4 Millimeter kleinen schwarzen Insekten können in Neuseeland richtig zur Plage werden. Besonders früh morgens und zur Dämmerung sind sie wie Vampire auf der Suche nach Blut. Offensichtlich scheine ich als Buffet infrage zu kommen, denn bei dem einen Besucher bleibt es nicht.
Im Gegensatz zu Mücken stechen Sandflies nicht einfach durch die Haut, sondern ritzen sie auf und saugen das Blut aus der kleinen Wunde. Insektenschutz haben wir natürlich nicht dabei. Innerhalb kurzer Zeit bin ich so genervt, dass mir nur noch eins hilft: Hose runterkrempeln und möglichst viel Haut unter einem Pullover verstecken.
Nachdem ich als Hauptgang ausfalle, rückt meine Reisebegleitung höher auf der Speisekarte. Er hat leider keinen Pullover dabei, also bleibt uns nur eins: Rückzug.
Aber das ist auch okay. Der Tag war schön und morgen geht die Reise durch Neuseeland weiter.
Mount Robert und Lake Rotoiti – wie war es?
In den fünf Wochen, die wir in Neuseeland unterwegs waren, rangiert der Stopp in St. Arnaud für mich im Mittelfeld. Die Wanderung war anstrengend, aber der Ausblick klasse. Die Aale möchte ich auch nicht missen, selbst wenn man mich mit Angeln nicht hinter dem Ofen hervorlocken kann. Auf die Begegnung mit den garstigen Sandflies hätte ich ehrlich gesagt verzichten können, aber so dramatisch war es auch nicht. Und der Ort St. Arnaud ist mehr Ferienanlage als Stadt. Jedenfalls in meiner Erinnerung.
Insgesamt ist es schwer zu sagen, wie cool es dort wirklich war. Neuseeland hat einfach so viele klasse Ecken, dass ein Ranking schon fast unfair ist.
Ich sage mal so: Wenn ihr kein Interesse an Eel Watching habt, könnt ihr St. Arnaud und den Lake Rotoiti durchaus aus eurer Route streichen. Mögt ihr kein Wandern und keine Natur, sind andere Orte ebenfalls besser für euch geeignet.
Aber ehrlich: Wandern und Natur gehören zum Neuseeland-Erlebnis einfach dazu. Und wenn ihr sowieso in der Gegend seid, würde ich den Abstecher zum Lake Rotoiti deshalb durchaus einplanen. Das ist schon einmalig.
Wart ihr schon einmal am Lake Rotoiti oder seid den Mount Robert hinaufgewandert? Wie hat euch die Gegend gefallen? Und habt ihr vielleicht auch Bekanntschaft mit den Longfin Eels oder den Sandflies gemacht? Erzählt mir gerne in den Kommentaren von euren Erfahrungen!



